Petr Bařinka
Parareal
- Daten
- Ab 12.3.2020
- Ort
- DOT. Galerie
- Künstler:innen
- Petr Bařinka

https://player.vimeo.com/video/398060579?fbclid=IwAR2gEyC4Zn-BEwyXl4JaQJYHqx1dsi09b_5Ud6fgVZYD48nW-P9wjUP9G_4
Die mit Farben spielenden Bilder und Objekte von Petr Bařinka evozieren auf den ersten Blick Leichtigkeit und popkulturelle Verspieltheit, bei vielen Betrachtenden vielleicht sogar den Anschein von Oberflächlichkeit, die im Flittergold zeitgenössischer, visuell reizvoller und anziehender kultureller Referenzen badet, welche sozusagen „auf den ersten Blick“ funktionieren. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.
Die im Ausstellungstitel verwendete Vorsilbe „para“ definiert eine Situation, die außerhalb liegt oder danebensteht. Viele der weit gefächerten Universen des Künstlers können als autonome Welten mit eigenen Regeln erscheinen – Welten, die vielleicht manchmal grausam oder spöttisch sind, sich aber dennoch aus der faden und oft komplizierten Realität lösen.
Den popkulturellen Rahmen, von dem Bařinka ausgeht, passt er durchaus eigenwillig an und formt ihn zu einer Art paralleler Welten um, die unsere reale Welt jedoch auf unterschiedliche Weise berühren, aus ihr hervorgehen, an sie anknüpfen oder sie sogar subtil und ironisch der Kritik unterziehen.
Die monographische Ausstellung dieses etablierten tschechischen bildenden Künstlers in der DOT. Contemporary Art Gallery ist eine Art Querschnitt durch sein Schaffen der letzten Jahre und präsentiert verschiedene Strategien seines Zugangs zur Malerei mit einer Auswahl älterer wie auch neuester Arbeiten.
In seinem Schaffen oszilliert er zwischen abstrakten und konkreten Prinzipien der Malerei, wobei die Ausstellung einen Querschnitt durch die in den einzelnen Serien entwickelten „parallelen Realitäten“ bietet. Ein wichtiger Bestandteil von Bařinkas Schaffen ist die Arbeit mit der Linie, die er mithilfe der Stickerei dreidimensional in das Bild einbringt – einer Stickerei, die er bereits bei seinen Vektorgemälden einzusetzen begann.
Die Linie nutzt er als zentrales Element des Bildaufbaus in der illustrativen, comicartig flächigen Malerei wie auch bei der Bildung geometrischer Strukturen. Die Vektorgemälde, die Bařinka seit 2012 schafft, sind visuell mit der Ästhetik der Computerspiele der 70er- und 80er-Jahre verbunden.
Die dünne, mithilfe eines Fadens erzeugte Konturlinie verbindet die frühen technischen Möglichkeiten der Grafik (eine gerade, gleichmäßige Linie von Punkt A nach Punkt B) mit dem traditionellen Handwerk der Stickerei, das ein überraschend ähnliches, einfaches Prinzip der Stoffverzierung nutzt. Die Stickerei selbst sowie Farbigkeit und Komposition im greifbaren Medium der Malerei imitieren perfekt die Vektorzeichnung, die nur aus der virtuellen Umgebung bekannt ist.
So schafft er präzise Karten einer nicht existierenden Realität eines imaginären Computerspiels.
Die neuesten Arbeiten aus der Serie Golden Age arbeiten eben mit der monochromen goldenen Farbigkeit des Hintergrunds und einer dünnen, schwarzen Linie, mit der der Künstler fast schon karikierende Szenen von Phänomenen des gegenwärtigen Lebens schafft. Dabei stellt er die Frage, ob die Gegenwart tatsächlich jene „goldenen Zeiten“ ist oder ob die Realität anders ist, als sie nicht selten von sozialen Netzwerken und Medien präsentiert wird.
Cosmos Pieces ist vielleicht der markanteste Vertreter von Bařinkas gegenwärtiger Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Realität und Abstraktion. Die präzisen geometrischen Muster seiner Gemälde finden ihr Urbild in der Konkretheit der natürlichen Welt – im Rhythmus mineralischer Kristallisation oder in planetaren Anordnungen. Aus diesem Rahmen gerissen gelangen sie jedoch in einen neuen Kontext, der ihre Realität untergräbt und sie auf eine dekorative und abstrakte Ebene verschiebt.
Die Serie Night visitors wiederum arbeitet mit geheimnisvollen, comicartigen Wesen, die in den Kulissen sozialistischer Wohnungen eine eigene, parallele, von menschlichen Wesen befreite Geschichte entfalten. Die Deutung dieser Realität überlässt der Künstler den Betrachtenden – seine nächtlichen Besucher können Märchenfiguren oder Besucher aus anderen Dimensionen sein.
Ihr melancholischer Ausdruck vor dem Hintergrund nostalgischer, propagandistischer Bilder des sozialistischen Paradieses deutet jedoch auch auf eine dunklere Lesart hin – es handelt sich um Geister, die in einer (utopischen) Vergangenheit beziehungsweise in der Vorstellung, die von ihr geblieben ist, gefangen sind, unfähig, voranzuschreiten, und ohne die Möglichkeit, zurückzukehren. Für welchen Teil der Bevölkerung unserer Breiten ist diese parallele Realität noch immer ein Ort des dauerhaften Aufenthalts?
Jana Babušiaková
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